Hessisch Lichtenau: Die Situation ist nicht echt. Trotzdem ist der Junge, der vor Rene Steinfelder von der Stadt Hessisch Lichtenau sitzt, angespannt: Er spricht leise, verhaspelt sich manchmal und rutscht dabei unruhig auf seinem Stuhl hin und her. "Sie haben zwei unentschuldigte Fehlstunden in ihrem Zeugnis stehen", sagt Rene Steinfelder. Der Junge nickt. "Als möglicher Arbeitgeber missbilligen wir das natürlich", sagt Steinfelder.
Bei diesem Bewerbungstraining in der alten Zigarrenfabrik — dem heutigen Jugendzentrum in Hessisch Lichtenau — führen Personalsachbearbeiter fiktive Einstellungsgespräche mit Hauptschülern der Freiherr-vom-Stein-Schule. "Bei vielen ist die Zukunft noch nicht angekommen", sagt Lehrer Berthold Schramm, einer der Organisatoren des Trainings. Durch die Aktion erleben die Schüler wie sich die Bewerbersituation anfühlt. "Sie sollen lernen sich darzustellen und dabei Ängste abbauen", erklärt Schramm. Um an dem Bewerbungstraining teilzunehmen mussten die Schüler selbstständig eine eigene Bewerbung erarbeiten. Schon daran seien einige der Neuntklässler gescheitert. Manche seien einfach nicht motiviert oder könnten sich noch nicht vor der Schule lösen. Das macht Berthold Schramm Sorgen "Was soll aus denen werden?" fragt er.
Ralf Schaumlöffel von der Schreinerei Kraft beurteilt seine "Bewerber" von der Freiherr-vom-Stein-Schule an diesem Tag sehr positiv. "Ich bin ganz überrascht", sagt er. Mindestens drei Jungen seien sehr motiviert, von sich überzeugt und gut vorbereitet gewesen. Schaumlöffel sei hin und wieder an der Berufsschule tätig. Dort erlebe er die Jugendlichen oft anders. Von dem Bewerbungstraining sollen sowohl die Unternehmen als auch die Jugendlichen profitieren: Die Personalsachbearbeiter geben eine Rückmeldung und somit wertvolle Tipps, wie die Jugendlichen ihre Bewerbung und ihr Verhalten verbessern können. Gleichzeitig nehmen sie die möglichen Bewerber schon einmal unverbindlich unter die Lupe.
"Wenn jemand besonders gut ins eigene Team zu passen scheint, wurde nach dem Bewerbungstraining auch schon mal ein Probearbeiten vereinbart", sagt Schramm. Denn die Aktionstage mit den heimischen Unternehmen haben bereits eine fast zehnjährige Tradition. Und Berthold Schramm will das Training auch weiterhin organisieren. Er sieht es als einen Vorteil für die Schüler an, da sie viel über ihre eigenen Stärken und Schwächen lernen. Der "Bewerber" von Rene Steinfelder winkt nach seinem Gespräch erstmal ab. Besonders gut gelaufen ist es für ihn nicht. Aber: In die Verwaltung will er ja sowieso nicht, viel lieber möchte er etwas Handwerkliches machen. Auch das ist ein Lerneffekt.