Interviews mit Direktor Holzhauer

Wie sicher jedem aus Film, Fernsehen, der regionalen und überregionalen Presse oder aus der Schule schon bekannt, hat die FvS-Schule seit
diesem Schuljahr einen neuen Direktor, Herrn Jürgen Holzhauer.
Die ersten Arbeitsmonate sind nun um, die Eingewöhnungsphase könnte man deswegen als abgeschlossen bezeichnen.
Die DFÜ-AG interviewte Herrn Holzhauer und stellte alle
Fragen, die Sie schon immer einmal an unseren neuen Schulleiter stellen wollten.
Außerdem hat sich unser Direktor als vielgefragter und freundlicher Mann noch einem Englisch-Interview der Klasse G7a gestellt.
Dieses finden Sie im Anschluss an das ausführliche Interview.
Viel Spaß beim Lesen!
DFÜ: Guten Tag, Herr Holzhauer und danke, dass Sie sich zu diesem Interview bereit erklärt haben. Sie haben jederzeit das Recht, die Aussage zu verweigern. :)
Dann kämen wir auch gleich zur ersten Frage: Wo kommen Sie ursprünglich her?
HERR HOLZHAUER: Nun, ich bin sozusagen ein waschechter Nordhesse. Ich komme aus Bebra/Weiterode, das ist gar nicht so weit weg von hier. Ich bin dort geboren und auch groß geworden.
DFÜ: Verraten Sie uns, wie alt Sie sind? Ansonsten könnten wir das natürlich auch im Sekretariat fragen. :)
HERR HOLZHAUER: Damit habe ich kein Problem: 59.
DFÜ: Welche Fächer unterrichten Sie?
HERR HOLZHAUER: Meine Fächer sind Englisch, Erdkunde, Philosophie und Gemeinschaftskunde.
DFÜ: Sie verheiratet?
HERR HOLZHAUER: Ja, ich bin verheiratet und habe vier Kinder.
DFÜ: Was Ihnen außer Schule noch Spaß?
HERR HOLZHAUER: Meine Hobbys sind Schwimmen, Wandern und so weiter, eine ganze Reihe von Dingen, die mit Bewegung zu tun haben, auch als Ausgleich für meinen eher bewegungsarmen Beruf.
DFÜ: Das interessiert natürlich jeden Schüler: Wie verlief Ihre Schullaufbahn?
HERR HOLZHAUER: Die verlief eigentlich ganz normal. Ich bin in Bebra/Weiterode zur Grundschule gegangen und habe dort meine vier Jahre absolviert, danach ging es ans Gymnasium nach Bad Hersfeld. Damals war das noch die alte Klosterschule, das ist jetzt die Obersbergschule, das heißt, dass wurde sie, nachdem ich fertig war. Ich habe in ’68 dort Abitur gemacht, interessanterweise schon nach zwölf Jahren.
DFÜ: Also nicht nach dreizehn Jahren?
HERR HOLZHAUER: Nein, das war damals so, dass wir zwei Kurzschuljahre hatten. Da wurde der Termin des Schuljahresendes bzw. -anfangs verlegt. Wir haben ja heute den Schuljahresbeginn immer im August oder September, je nachdem, wie die Sommerferien liegen, und davor war das so, dass schon Ostern Schuljahresende war. Daraus wurden dann zwei Kurzschuljahre. Das heißt, ich habe die Oberstufe praktisch in zwei Jahren gemacht. Aber das war rein organisationsbedingt, das ging allen so.
DFÜ: Und was haben Sie danach gemacht?
HERR HOLZHAUER: Ich habe nicht gleich studiert. Damals war es ja noch üblich, dass man 18 Monate Wehrdienst machen musste. Ich bin bei der Bundeswehr eingezogen worden und war in einer Spezialeinheit der aufklärenden Artillerie.
Ich habe also dort meine 18 Monate verbracht und anschließend habe ich dann mein Studium in Frankfurt aufgenommen.
DFÜ: Haben Sie dort alle Ihre Fächer studiert?
HERR HOLZHAUER: Das waren erst einmal Englisch und Geographie. Die anderen Sachen mache ich fachfremd, die habe ich dann im Laufe der Zeit erst noch dazu studiert.
DFÜ: Würden Sie uns einen kurzen Überblick Ihrer Laufbahn als Schulleiter geben? Madrid und Santiago de Chile klingen als Arbeitsorte schon recht ungewöhnlich!
HERR HOLZHAUER: Ich erzähle dann mal gleich von meiner kompletten Laufbahn, auch als Nicht-Schulleiter. Ich bin, nachdem ich mein Studium absolviert hatte, als Referendar in das Studienseminar Fulda eingestiegen. Danach habe ich dann meine Stelle als normaler Studienrat in Rotenburg an der Fulda angetreten, an der Jakob-Grimm-Schule.
Dort war ich bis 1986, gleichzeitig während der gesamten Zeit auch Personalratsvorsitzender, außerdem auch noch in anderen Personalratsgremien beim staatlichen Schulamt tätig. Damals wurden die staatlichen Schulämter gegründet, und ich war gleich stellvertretender Vorsitzender im Gesamtpersonalrat, den es damals für die Lehrer gab.
’86 habe ich mich dann entschieden ins Ausland zu gehen. Man kann sich das ja nicht so ohne Weiteres aussuchen, wenn man das erste Mal rausgeht, man bewirbt sich allgemein. Ich hatte auch keine Einschränkungen gemacht und bekam relativ schnell das Angebot für Madrid. Das war für mich auch deshalb besonders attraktiv, weil ich im Rahmen meines Geographiestudiums meinen regionalen Schwerpunkt auf den Mittelmeerraum gesetzt hatte, speziell auf der iberischen Halbinsel. Von Exkursionen kannte ich die Schule dort auch schon. Ich weiß noch, als mich der Schulleiter damals anrief und mich fragte, ob ich denn Interesse hätte, da sagte ich gleich: „Ja“. Da meinte er gleich zu mir: "Sie können doch nicht so ohne Weiteres "Ja" sagen. Sie wissen doch noch gar nicht, worum es sich hier handelt!" Da sagte ich: "Doch, ich kenne die Schule." Da war er gleich etwas beruhigter und dann klappte es auch relativ schnell.
Ich bin dann ’86 nach Madrid gegangen und war das erste Jahr dort ganz normaler Lehrer. Dann wurde vor Ort die stellvertretende Schulleiterstelle ausgeschrieben. Die war auch hier in Deutschland ausgeschrieben, das heißt, dafür konnten sich auch die deutschen Kollegen bewerben. Ich habe mich dann auch beworben, den Zuschlag erhalten und dann wurde das eine sehr viel längere Sache, als wir eigentlich in der Familie geplant hatten. Ich war ja mit der gesamten Familie dort hingegangen, die Kinder waren noch ganz klein, der Jüngste ein Jahr, die Älteste fünf Jahre. Natürlich ein ideales Alter. Die hatten damit auch gar keine Probleme, die fanden das ganz toll. Die Mentalität ist da ja auch eine ganz andere als hier.
Also, wie gesagt hatte ich dann ja die Stellvertreterstelle bekommen und wir blieben insgesamt dann bis 1995, also neun Jahre.
Also, normalerweise war es folgendermaßen: Man wurde für die Zeit im Ausland ja praktisch über das Auswärtige Amt abgeordnet. Man ist zwar weiterhin Landesbeamter in Hessen, wird für die Zeit aber beurlaubt und normalerweise war es maximal auf sieben Jahre beschränkt, und daraus wurden dann neun Jahre.
DFÜ: Wie kam das?
HERR HOLZHAUER: Es war so, dass der Schulleiter zum selben Zeitpunkt gegangen wäre wie ich als stellvertretender Schulleiter. Das wäre problematisch für die Schule gewesen. So hat mich der Vorstand dann gebeten, noch zwei Jahre länger zu bleiben, und davon habe ich Gebrauch gemacht. Das Land Hessen hat auch mitgemacht und mich für insgesamt neun Jahre beurlaubt und so sind wir bis ’95 in Madrid geblieben. Die Kinder haben das genossen. Sie sind auf diese Weise zweisprachig groß geworden. Das hat natürlich auch so seine Konsequenzen, wenn Kinder mehrsprachig aufwachsen, dann orientieren sie sich auch ganz anders als wenn sie in Deutschland gewesen wären.
Ich bin dann, als ich ’95 aus Spanien zurückkam, stellvertretender Schulleiter an der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg an der Fulda geworden. Das wollte ich eigentlich gar nicht, aber die Stelle war nicht anders zu besetzen. Dann war die Schulleiterstelle ausgeschrieben, ich habe mich beworben und sie dann auch bekommen. Ich war dann von ’96 bis 2000 Schulleiter an der Jakob-Grimm-Schule, einer Schule, die mit dieser hier vergleichbar ist. Sie ist auch eine Gesamtschule mit Oberstufe, nur ein bisschen größer: 1900 Schüler, fast doppelt so viele wie hier.
Aber so große Systeme haben auch immer ihre Eigenheiten. Sie sind nicht so überschaubar und können auch eine sehr negative Eigendynamik entwickeln.
Ich war dann also Schulleiter, hatte aber schon beim Auswahlverfahren zu denen gesagt: "Wenn ich das hier werde, wird das nicht meine Lebensaufgabe sein, ich würde gern nochmal rausgehen." Ich hatte während meiner Zeit in Madrid schon Kontakt zu den Schulen in Chile, das war traditionell so. Chile ist ja auch spanischsprachig. Ich hatte besonderes Interesse an der Hauptstadt Santiago, die hat natürlich am meisten zu bieten.
Es kam dann so, dass mich der Schulleiter, der nach Bayern zurückging und den ich noch aus Madrider Zeiten kannte, dort ansprach. Dann habe ich mich also entschlossen, in 2000 mit der Familie nach Chile zu gehen, wobei ich einschränken muss. Die beiden älteren Töchter wollten in Deutschland bleiben; Sie hatten ihr Abitur schon in Deutschland gemacht. Sie sind dann also auch da geblieben und nur die zwei Jüngeren Jungs sind mitgegangen.
Es dauerte aber nicht lange – Wir waren da vielleicht ein halbes Jahr in Chile – als die beiden Mädchen sich dann auch entschlossen, nach Chile zu kommen. Die riefen dann an: "Papa, ich möchte nach Hause kommen." Da sagte ich: "Aber du bist doch zu Hause!" Aber sie haben das anders empfunden und haben das wohl auch nicht bereut. Die leben beide ja auch heute noch in Chile. Die eine ist verheiratet – Wir haben schon zwei Enkel – und die andere ist im Management tätig, war in den USA und hat dort ihre Ausbildung gemacht, wird dem spanischsprachigen Raum also wohl auch weiterhin erhalten bleiben.
DFÜ: Ist der Unterschied zwischen den Mentalitäten in Spanien und Chile und hierzulande groß?
HERR HOLZHAUER: Die Mentalität unterscheidet sich doch schon sehr stark. Die Latino-Mentalität tritt in dem Sinne voll hervor, dass da so etwas wie eine Problemkultur eigentlich nicht existiert. Das geht sogar so weit, dass in Chile das Wort „problema“ fast gar nicht benutzt wird. Man sagt "inquieturis", wenn man davon redet, das heißt, dass man beunruhigt ist. Das zeigt allein sprachlich schon an, wie man da mit Problemen umgeht. Man versucht eher, sie unter den Tisch zu schieben, sie klein zu halten, und den Dingen immer positiv gegenüber zu stehen. Aber eine echte Problemlösungsmentalität gibt es nicht, weil man die Probleme nicht so recht sieht oder nicht sehen will. Das hat sich natürlich insbesondere auch bei den Schülern gezeigt, die von ihrer ganzen Sozialisation ähnlich ausgerichtet waren.
Und eine Aufgabe der deutschen Schulen dort – Ich habe ja auch gleichzeitig die 23 deutschen Schulen, die es in Chile gibt, koordiniert – war natürlich, dass man versucht hat, den Schülern diese Problemkultur beizubringen. Das heißt: "Wie geht man mit Problemen um?". Erst einmal, dass man sie überhaupt sieht, sie benennt, sie analysiert, eine Strategie entwickelt, wie man diese Probleme löst. Das war so ein kultureller Anspruch, den die deutschen Schulen dort vor Ort hatten.
Das wäre also ein ganz wichtiges Kriterium, was den Unterschied zwischen deutschen und chilenischen Schülern angeht. Wobei ich mir bei den deutschen Schülern auch ab und zu wünschen würde, dass sie mehr problemorientiert handeln würden. In dem Sinne, wie ich es eben gesagt habe. Und, dass sie kritikfähig werden. Denn was ich feststelle, ist, dass relativ wenig Kritikfähigkeit oder -bereitschaft bei den Schülern vorhanden ist, auch hier in Deutschland.
DFÜ: Und hat es auch funktioniert, dass Sie den chilenischen Schülern einen gewissen Sinn für Problemlösungen vermittelt haben?
HERR HOLZHAUER: Ich denke schon, ja. Die Schüler unterschieden sich auch sehr von den Schülern, die auf chilenische Schulen gehen. Die sind auch bekannt dafür, dass sie eher problemorientiert handeln und die Dinge beim Namen nennen. Denn das ist ja im spanischsprachigen Raum absolut unüblich. Die Dinge werden immer ein bisschen umschrieben, man kommt nie gleich zum Punkt. Jemand, der in Spanien ein Telefongespräch führt über irgendetwas, das er will, wird nie sofort damit anfangen. Er wird erst einmal Minuten damit verbringen, zu fragen: "Na, wie geht’s dir denn und was macht die Familie?", und so weiter. Und irgendwann kommt er dann zum Punkt, aber auch nicht direkt.
Also, das ist so einer der großen Mentalitätsunterschiede zwischen Spanien/Chile und Deutschland. Die Deutschen werden auch immer schief angesehen, wenn sie irgendetwas direkt sagen, aber hier ist es nicht so extrem.
Eine typische Sache war auch, dass von den 184 Kollegen, die wir da waren, wir deutschen Kollegen, die vom Auswärtigen Amt entsandt worden waren, uns unterhalten haben, und immer sehr kritisch mit den Dingen umgegangen sind und uns auch die Meinung gesagt haben, ohne uns dabei persönlich zu kränken. Das wurde von den Chilenen gleich so aufgenommen: "Was machen die denn da? Die gehen sich ja an die Hälse!" Gott sei Dank war die Kommunikation aber so gut, dass wir auch ein Feedback bekamen. Wir hatten das gar nicht als so extrem empfunden.
DFÜ: Was war das Nützlichste, was Sie in Spanien und Chile gelernt haben?
HERR HOLZHAUER: Was ich sicherlich gelernt habe, ist die Fähigkeit, mit verschiedenen Perspektiven und Mentalitäten umzugehen. In vielen Bereichen habe ich auch gelernt, dass die spanische/chilenische Perspektive, gemischt mit unserem Umgang mit gewissen Dingen eigentlich die ideale Synthese wäre.
DFÜ: Und was war für Sie am gewöhnungsbedürftigsten, als Sie nach Spanien gekommen sind?
HERR HOLZHAUER: Das sage ich ganz ehrlich: Das war mit Sicherheit der Straßenverkehr in Madrid. Das war ein Überlebenskampf… Hier ist alles schön geregelt.
Mittlerweile habe ich mir auch ein Bisschen diesen Fahrstil angewöhnt, nach dem Motto „Überlebenskampf“, und das bezieht sich nicht nur auf Madrid, sondern auch auf Santiago de Chile. Man muss ständig für die anderen mitdenken.
DFÜ: Wie verläuft ein typischer Arbeitstag für Sie?
HERR HOLZHAUER: Das ist eigentlich ganz einfach: Ich stehe morgens um 5:45 Uhr auf – Ich wohne ja in Rotenburg an der Fulda, das sind also an die 35 Kilometer, die ich fahre. Durch die Umleitung in Retterode sind es jetzt natürlich noch mehr… (lacht)
Dann bin ich so um zwanzig nach Sieben, halb Acht hier. Da gibt es dann schon die ersten Dinge, die hier im organisatorischen Bereich zu regeln sind – Kollegen oder Schüler, die Fragen haben.
Ein Großteil der Arbeit besteht darin, Gespräche zu führen. Beratungsgespräche oder auch Problemlösungsgespräche, wobei sich oft herausstellt, dass ich gar nicht der adäquate Gesprächspartner für diese Probleme bin, denn mein Führungsstil hier ist so und war eigentlich schon immer so, auch in Madrid und Santiago, den verschiedenen Funktionsträgern ihren autonomen Bereich zu lassen. Das heißt: Wenn es um Fragen zur Real- oder Hauptschule geht, ist der Zweigleiter zuständig, das ist Herr Sogel. Oder wenn ein Schüler fragt, ob er denn mal einen Tag vom Unterricht befreit werden kann, kann das der Klassenlehrer regeln.
Und das sind alles Dinge, die am Anfang noch häufig an mich herangetragen wurden, wo sich aber im Laufe der Zeit schon eine gewisse Kenntnis durchgesetzt hat. Man muss nicht immer alles über den Schulleiter machen.
DFÜ: Welchen Eindruck haben Sie bisher vom Arbeitsklima hier an der Schule?
HERR HOLZHAUER: Das Arbeitsklima hier ist sehr positiv und konstruktiv. Der menschliche Umgang miteinander beeindruckt mich hier, das ist wirklich toll. Und das ist auch nicht überall so. Wenn ich das vergleiche mit dem Arbeitsklima in Madrid oder Santiago, gab es sortschon große Komplikationen. Ich denke, das Arbeitsklima hier ist sowohl unter den Lehrern als auch unter den Schülern gut. Die Schüler sind sehr diszipliniert und wirklich eklatante Ausfälle gibt es hier nicht, denke ich. Jedenfalls habe ich noch keinen erlebt.
DFÜ: Und welche Pläne haben Sie für die Freiherr-vom-Stein-Schule?
HERR HOLZHAUER: Das kann man natürlich nach so kurzer Zeit noch nicht sagen. Ich hatte ja eben von Problemlösungsstrategien gesprochen, deswegen möchte ich erst einmal eine Zeit lang analysieren. Was ich jedoch feststelle, ist, dass hier an der Schule sehr viele reformerische Bestrebungen gelaufen sind und noch laufen, also wird das Primärziel für mich sein, die positiven Tendenzen, die sich hier im strukturellen Bereich schon angebahnt haben, weiter zu verstärken. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man Tausenderlei anfängt und nichts richtig macht und es nicht beendet. Deshalb ist meine Idee, für die erste Zeit die positiven Strukturen hier zu verstärken, wie beispielsweise selbstorganisiertes Lernen, die Orientierung an Kompetenzvermittlung und so weiter. Das ist hier aber grundsätzlich schon vorhanden, weil wir auch in der glücklichen Situation sind, hier eine pädagogische Leitung zu haben. Das ist ja nicht mehr selbstverständlich für Gesamtschulen. In den Schulen, wo der pädagogische Leiter irgendwann einmal weggegangen ist, wird er nicht mehr ersetzt. Deshalb sind wir sehr froh, hier mit Herrn Petersen einen pädagogischen Leiter zu haben, der auch alles sehr positiv in die Hand nimmt.
DFÜ: Eine Frage, die viele im 11. Jahrgang beschäftigt hat: Wird der Spanischunterricht in der Oberstufe mit Ihnen vielleicht einen Aufschwung erleben?
HERR HOLZHAUER: (lacht) Das Problem ist, dass ich durch meine unterrichtstechnische Belastung schon etwas eingeschränkt bin. Ich müsste pro Woche eigentlich nur vier Stunden unterrichten, derzeit unterrichte ich pro Woche acht. Das macht mir auch sehr großen Spaß, aber dass ich noch groß in Spanisch einsteige, ist absolut nicht machbar, dazu fehlt mir schlicht die Zeit.
Aber dass ich mich als jemand, der sich intensiv mit Spanisch beschäftigt und in den letzten 18 Jahren auch ständig Spanisch gesprochen hat, dafür stark mache, dass Spanisch hier verstärkt wird, ist klar. Ich habe eine gewisse Liebe zur spanischen Sprache, was auch mit der Kultur zu tun hat, die damit verbunden ist.
DFÜ: Haben Sie ein besonderes Schulführungsmotto?
HERR HOLZHAUER: Das habe ich. Ich würde es mal in drei Begriffen zusammenfassen, bewusst in dieser Reihenfolge: Menschlich denken, verantwortlich handeln und gemeinsam entwickeln.
Das hat sehr komplexe Implikationen.
Das Allerwichtigste für mich ist aber wirklich das menschliche Denken. Ein Schulleiter hat ja – machen wir uns nichts vor – gewisse Managementfunktionen heutzutage. Das ist nicht mehr so wie noch vor 20, 30 Jahren. Und umso wichtiger ist es deshalb, im Umgang miteinander, auch im Personalmanagement und auch im Umgang mit den Schülern, dass dieser menschliche Aspekt eine ganz große Rolle spielt.
Verantwortlich handeln heißt, immer darüber nachzudenken, wo die Hauptverantwortung liegt, wenn man eine Entscheidung zu treffen hat. Und zentrale Verantwortung habe ich als Schulleiter natürlich primär gegenüber den Schülern, die stehen im Mittelpunkt allen Handelns. Denn eine Schule ohne Schüler wäre unsinnig.
Darüber hinaus meine ich auch die Verantwortung gegenüber dem Personal, das heißt den Lehrern, dem Verwaltungspersonal wie dem Hausmeister und so weiter. Auch das ist, denke ich, ein ganz wichtiger Aspekt: Hier Akzeptanz zu schaffen, hier eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die dazu führt, dass alles rund läuft.
Und zum dritten Aspekt, „gemeinsam entwickeln“: Ich denke, Schulentwicklung ist nicht allein Sache des Schulleiters. Der Schulleiter hat natürlich gewisse Zielvorstellungen, und nicht nur er hat sie, sondern auch das Kultusministerium, aber ganz wichtig ist, dass man solche Entwicklungsschritte gemeinsam tut. Denn in dem Moment, wo man die Lehrer und die Pädagogen nicht mit auf den Weg nimmt, ist das eine sehr kurzfristige Sache, die irgendwann dazu verdammt ist, nicht weitergeführt zu werden. Das heißt, es entsteht nichts Nachhaltiges. Und das ist ganz wichtig, dass man durch das gemeinsame Entwickeln und die damit verbundene Transparenz bei den Schritten nachhaltig die Schule entwickeln kann.
DFÜ: Was ist Urlaub und Erholung für Sie?
HERR HOLZHAUER: Urlaub ist für mich, bei der Familie zu sein. Der Arbeitsaufwand als Schulleiter ist natürlich groß. Darüber hinaus – Ich hatte ja eben schon meine Hobbys genannt – ist es so, dass ich gerne schwimme und gerne am Meer bin, dass ich es aber auch genieße, zum Beispiel in den Bergen zu wandern, auch hier in der Region, denn die bietet sehr viel.
DFÜ: Haben Sie einen Lieblingssatz auf Spanisch?
HERR HOLZHAUER: Kein Satz, den ich oft gehört habe, der mich aber sehr begeistert hat und gleichzeitig die Mentalität der Spanier und Chilenen wiedergibt. Es ist ein Satz von Jorge Luis Borges, einem argentinischen Dramaturg. Der hat einmal gesagt: „Ich habe den schlimmsten Fehler begangen, den man begehen kann: Nämlich, nicht glücklich zu sein.“
Diese positive Mentalität, die die Chilenen aufweisen, hat mich unheimlich beeindruckt. Was ich schätze, ist dieser immer positive Ausblick auf das Leben. Die Deutschen tendieren eher dazu, zu lamentieren. Das ist ein riesiger Mentalitätsunterschied.
Johannes Rau, der frühere Bundespräsident, der uns auch einmal in Santiago besucht hat, sagte auch ganz treffend vor der ganzen Mannschaft: „International ist es normalerweise so, dass, wenn man Licht am Ende des Tunnels sieht, sich alle freuen. Und was machen die Deutschen? Die fragen sich: ‚"Wann kommt denn nun der nächste Tunnel?" (lacht)
DFÜ: Was schätzen Sie an den Schülern hier und was schätzen Sie eher nicht?
HERR HOLZHAUER: Ich sagte ja schon eben, dass die Schüler hier sehr diszipliniert und zugänglich sind. Es gibt nur wenige Probleme. Aber ich hatte auch schon gesagt: Ich würde mir ein bisschen mehr Kritikfähigkeit und die Bereitschaft, Kritik zu üben, wünschen. Ich sage das ganz bewusst, denn Schule entwickelt sich ja nicht nur auf der Ebene der Lehrer, sondern auch dadurch, dass von den Schülern ein Feedback kommt. In jederlei Hinsicht. Es ist beispielsweise auch ganz wichtig, dass man als Lehrer mit den Schülern auf eine Ebene kommt, dass man einfach mal fragen kann: "Wie sieht’s aus, wie findet ihr meinen Unterricht?", um ein Feedback zu bekommen. Da muss ein gewisses Vertrauensverhältnis da sein und auch die Bereitschaft der Schüler, offen zu sagen: "Das finde ich nicht so gut, das könnte man anders machen." Aber auch die Erwartungshaltung, dass einem da nichts Negatives passiert. Das ist die Problemkultur, von der ich eben gesprochen habe, die an dieser Schule vielleicht noch ein bisschen ausgebaut werden kann. Das setzt aber auch die Bereitschaft aller Beteiligten voraus. Gemeinsam entwickeln, in dem Bereich ist vielleicht noch sehr viel zu tun. Das ist auch ein gewisser Unterschied zwischen der Schülerschaft hier und der in Santiago: Die waren, denke ich, etwas kritischer. Und das war auch gut so.
DFÜ: Was würden Sie als Ihre größte Stärke, was als Ihre größte Schwäche bezeichnen?
HERR HOLZHAUER: Meine größte Stärke liegt, denke ich, im Dialog. Es klingt vielleicht ein wenig vermessen. Ich habe ja eben meine Maximen genannt: Die Menschlichkeit und das Verständnis, wie ich mit Problemen meiner Mitmenschen umgehe. Das ist schon eine meiner Stärken. Ich bin auch nicht gekränkt, wenn dann mal ein kritisches Feedback kommt, ich sehe Kritik eher als Möglichkeit für Verbesserungen.
Was ich manchmal an mir selbst hasse, ist, dass ich sehr oft alles gleichzeitig erledigen möchte, und das klappt dann nicht.
DFÜ: Welches war zu Ihrer Schulzeit ihr Lieblings- und welches Ihr Hassfach?
HERR HOLZHAUER: Das kann ich schön auf den Punkt bringen: Mein Lieblingsfach war Englisch, nach wie vor meine zweite Muttersprache, obwohl ich so lange in Spanien war.
Hassfach würde ich nicht unbedingt sagen, einfach ein Fach, das ich nicht sonderlich gerne gemacht habe: Das war Mathematik. Ich sage auch warum: Weil ich damit nichts anfangen konnte. Das war alles so theoretisch, dass ich dazu überhaupt keinen Zugang hatte, und ich bin ein Mensch, der eine gewisse Motivation braucht, um nachhaltig zu lernen.
DFÜ: Wenn Sie nicht Lehrer und später Schulleiter geworden wären, welchen Beruf hätten Sie dann ergriffen?
HERR HOLZHAUER: Man hat natürlich immer solche irren Vorstellungen, was man einmal werden möchte: Lokführer oder Kapitän. Ich hatte tatsächlich die Idee, Kapitän zu werden, weil mir das Meer immer gefallen hat. Aber das ist lange her.
Naja, aber alternativ hätte ich mir vorstellen können, irgendwo als Manager einzusteigen. Das, was ich in den letzten Jahren in Santiago gemacht habe, war nicht Schulleitung in dem Sinne, wie das hier erfolgt, sondern Gesamtverantwortung und Wirtschaftlichkeit des Systems, also eigentlich auch ein Managementjob.
DFÜ: Dann kommen wir jetzt zur offiziell letzten Frage: Was wünschen Sie sich von der neuen Bundesregierung generell im Bereich Bildung und was wünschen Sie sich konkret auf der Ebene des Landes Hessen?
HERR HOLZHAUER: Was den Bund angeht, habe ich ja jahrelange Erfahrung durch die Auslands-Schultätigkeit, da die ausländischen Schulen ja über die Kultusministerkonferenz auf Bundesebene verwaltet werden und auch über das Auswärtige Amt, für das ich ja gearbeitet hatte. Ich hatte ja Diplomatenstatus in Santiago.
Was ich mir da wünschen würde, wäre eine bessere Koordination. Die Kulturhoheit liegt hier in Deutschland ja bei den einzelnen Ländern, und da gibt es immer wieder Schwierigkeiten auf Bundesebene. Mal ein konkretes Beispiel: Ich habe ja in Santiago erst das deutsche internationale Abitur in 2004 eingeführt. Aber es gibt immer noch viele Abgänger, die dort den Landesabschluss machen und zusammen mit dem deutschen Sprachdiplom hier in Deutschland beantragen können, ein Studium zu bekommen. Das läuft in der Regel auch ganz gut über die Zentralstelle in Nordrhein-Westfahlen, aber ich habe des Öfteren erlebt, dass sich diese Schüler dann in Bayern beworben haben und ihnen dann auf einmal gesagt wurde: "Nein, den Abschluss erkennen wir nicht an", obwohl es eine Vereinbarung gab, die von allen Kultusministerien unterschrieben worden war. Selbst mein Anruf hat die überhaupt nicht interessiert: "Jetzt hören’s doch mal zu, Herr Holzhauer. Mir sein mir!" Da war ich dann am Ende mit meiner Argumentation. Und daran sieht man, dass wir hier so eine gewisse Kleinstaaterei haben, die dadurch optimiert werden könnte, dass man alles ein bisschen besser koordiniert und Beschlüsse, die man einmal gefasst hat, einhält.
Was das Land Hessen angeht: Da steht in der Tat das an, was ich eben schon erwähnt habe: Die Bildungsstandards, die von oben vorgegeben sind, sollen umgesetzt werden. Und da würde ich mir einfach mehr wünschen, auch eine stärkere Beteiligung der Gremien – nicht einfach zu sagen: "So, wir arbeiten jetzt mit Bildungsstandards, die irgendeine Gruppe von Leuten im Bildungsministerium ausgearbeitet hat." Ich wünsche mir von unten her eine stärkere Beteiligung. "Gemeinsam entwickeln" – Das ist da relativ schwach ausgeprägt. Und man muss bedenken, dass die Arbeitsbelastung für die Lehrer schon relativ hoch ist und man das in den Anforderungen berücksichtigt. Das gilt nicht nur für das Land Hessen, sondern generell für alle Kultusministerien.
Ein Beispiel dafür ist das G8-System, obwohl das durch die neuen Reformen recht gut aufgefangen werden kann, denn ich glaube, dass ein kompetenzorientiertes Unterrichten kann dazu führen, dass man im inhaltlichen Bereich Dinge entschlackt, ganz bewusst herausnimmt, denn wir sollten nicht vergessen, dass im inhaltlichen Bereich neuerdings ein immenser Zuwachs zu verzeichnen ist, der geht ja fast ins Unendliche. Es kann in Zukunft einfach nicht mehr so sein, dass man versucht, alle Themen abzudecken. Wichtig ist, dass man in der Lage ist, auf der Basis von Kompetenzen just in time Informationen hereinzuholen – über die Medien, über das Internet – die man braucht, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Anders geht es ja nicht, auch in der Schule nicht. Letztlich bereiten wir die Schüler darauf vor, entscheidungsfähig zu werden, in vielen Bereichen.
DFÜ: Wir hatten uns noch eine Überraschungsfrage überlegt, nachdem wir den HNA-Artikel über Sie gelesen hatten. Darin hieß es auch, dass Sie sich gut mit Computern auskennen und deswegen wollten wir Sie fragen: Was halten Sie von der derzeitigen Internetpolitik – im Sinne der Einstellung der Gesellschaft und der Politik gegenüber dem Internet – und was würden Sie sich wünschen?
HERR HOLZHAUER: Natürlich ist der Datenschutz hochrangig, aber ich denke, man sollte vielleicht ein bisschen liberaler mit dem Internet umgehen und die Kompetenz der einzelnen User respektieren.
DFÜ: Herr Holzhauer, vielen Dank für das Gespräch.
HERR HOLZHAUER: War mir ein Vergnügen!