Freiherr-vom-Stein-Schule

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Gesamtschule mit gym. Oberstufe in Hessisch Lichtenau

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Besuch von Rabbiner Alexander Grodensky im Rahmen der Jüdischen Bibelwoche

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Am Montag, den 16.9. begrüßte die ehemalige Kollegin Dietlinde Jessen im Rahmen der jüdischen Bibelwoche den Rabbiner Alexander Grodensky an der FvSS. Die jüdische Bibelwoche findet jährlich statt und wir haben die Ehre, stets auch einen jüdischen Gelehrten begrüßen zu dürfen, der zu einem Thema zu den SchülerInnen spricht und dabei die spezifisch jüdische Perspektive auf ein Thema verdeutlicht.

Herr Grodensky, der 1983 in Tadschikistan geboren wurde und seither weltweit gearbeitet und studiert hat, brachte den Jugendlichen auf erfrischend lockere und lehrreiche Art das Thema „Leihmutterschaft“ zunächst aus allgemeiner und dann auch aus jüdischer Perspektive nahe.

Er schlug einen Bogen von der Gesetzgebung in Deutschland (Leihmutterschaft verboten) und anderen Ländern, wie Kanada, Israel, Indien, Georgien, USA und Russland (Leihmutterschaft ist erlaubt) hin zu dem komplexen Gefüge von Beziehungen zwischen den kinderwünschenden, aber unfruchtbaren Eltern zur genetischen Mutter und der Leihmutter, die das künstlich befruchtete Ei austragen wird. Dabei spielen Vermittlungsagenturen, Versicherungen, Anwälte, Ärzte und Sozialarbeiter als jeweiliger Beistand aller direkt involvierter Personen eine wichtige Rolle.
Herr Grodensky legte ein besonderes Augenmerk auf die ethischen Fragestellungen, die im Rahmen einer Leihmutterschaft für alle Beteiligten auftreten können, z.B.:
Was kennzeichnet eine Mutter? Wer ist die Mutter des Kindes? Sind es genetische, soziale oder emotionale Faktoren, die während einer Schwangerschaft zwischen heranwachsendem Embryo und austragender Mutter entstehen können? Wie stark darf das „bestellende“ Ehepaar den Lebenswandel der Leihmutter kontrollieren? Soll die Leihmutter Geld – neben der Aufwandsentschädigung- erhalten für ihre Dienste? Wirft das nicht extreme Probleme gerade in armen Ländern auf, so dass arme Frauen quasi als Brutkästen für Kinder reicher Leute aus der industrialisierten Welt missbraucht werden? Was, wenn die Eltern sich im Lauf des lange dauernden Verfahrens trennen? Wer ist dann für das Kind zuständig? Welche Positionen vertritt der Feminismus zur Fragestellung? Was sind die Selbstbestimmungsrechte der Frau? Was sagen die Familien der Leihmütter zu ihrer Schwangerschaft? Was geschieht mit den „überschüssigen“ Eizellen, die zwar befruchtet, aber nicht eingesetzt werden? Darf an ihnen geforscht werden? In den USA darf bei der Auswahl der genetischen Mutter/ des Vaters auch ausgewählt werden: Besteht die Gefahr eines optimierten Designerbabys? Und was, wenn eine Behinderung beim Fötus entdeckt wird? Wollen die „bestellenden Eltern“ dann das Kind noch immer? Darf die Leihmutter gezwungen werden abzutreiben? Das Kindeswohl gilt es ebenfalls zu beachten: Was sagt man dem heranwachsenden Kind, wer seine Mutter ist? Kann es dadurch in eine Identitätskrise geraten?

Und natürlich kamen auch religiöse Fragen in diesem Zusammenhang zur Sprache. Ausgehend von der biblischen Erzählung von Abraham und Sara, die zunächst keine Kinder bekamen und Abraham dann mit der Zweitfrau Haggar ein Kind zeugte, warf der Gelehrte einen Blick auf jüdische Vorstellungen. Hier wird die Frage der Abtreibung, des Forschens an Embryonen und der Leihmutterschaft weniger streng als bei uns gesehen, da im Judentum das Leben erst mit der Geburt des Kindes beginnt. Dies ist ein starker Widerspruch zur christlichen Auffassung, wo der Lebensbeginn in dem Moment einsetzt, wo Ei- und Samenzelle verschmelzen, so dass das Leben ab diesem Moment geschützt werden muss.
Eine sehr spannende Fragestellung also, die komplex ist und im Unterricht sicher noch aufgegriffen werden wird. Wir bedanken uns bei Pfarrerin Johanna Rau für die Koordination, Dietlinde Jessen für die Begrüßung und Vermittlung und Rabbiner Grodensky für seine kenntnisreiche und anschauliche Vorstellung des Themas.

Text und Foto: C.Seiler