Freiherr-vom-Stein-Schule

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Gesamtschule mit gym. Oberstufe in Hessisch Lichtenau

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Was ist Antisemitismus?

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Briefe eines Zeitzeugen erreichen unsere Schüler der 6. Klasse im Mai 2018.

Antisemitismus, das Wort ist in der 6. Klasse keineswegs allen bekannt. Der Sachverhalt auch nicht, weder der Judenhass zur Nazizeit, noch die aktuellen Vorkommnisse auf deutschen Schulhöfen oder in der Hauptstadt Berlin im Jahr 2018, wo davon abgeraten wird, öffentlich die Kippa zu tragen. Aber mit den Briefen eines Zeitzeugen, die an viele unserer Schüler des sechsten Jahrgangs persönlich gerichtet waren, konnten die Kinder sehr viel anfangen.

Mit den aufgeschriebenen Erinnerungen über eine Kindheit auf dem Dorf in unserer Nähe, in dem es vor dem zweiten Weltkrieg viele Juden gab, wurden die Sechstklässler im evangelischen Religionsunterricht konfrontiert. Frau Herrmann und Frau Möller begrüßten es, christliche und jüdische Jahresfeste nicht nur nach Schulbuch zu unterrichten, sondern anlässlich der Feste in eine aktuelle Auseinandersetzung mit einem Zeitzeugen treten zu können. Mit dem Briefwechsel zwischen den Schülern und dem Zeitzeugen entwickelte sich ohne belehrende Worte eine Aufmerksamkeit für die menschenverachtende Haltung, die dem Antisemitismus zugrunde liegt. Die Schulen sind dazu angehalten, in dieser Richtung Schüler zu sensibilisieren. Wir sind der Meinung, dass diese Aufforderung an unserer Schule gerade erfolgreich umgesetzt wurde.

Die Kinder der Klassen 6a und 6b unterhielten sich in drei aufeinanderfolgenden Religionsstunden brieflich mit dem Landwirt, Lehrer und Pfarrer Heinz Döring über seine Kindheitserlebnisse im nordhessischen Dorf Guxhagen. Anlass war die Auseinandersetzung mit dem Judentum, insbesondere mit dem Sabbat und dem Passahfest, aus dem später das christliche Osterfest hervorging. Der Zeitzeuge erzählt in seinen Kindheitserinnerungen, die wir den Schülern vorlasen, wie die Juden in seinem Dorf den Sabbat feierten in einer Zeit, in der Juden selbstverständlich als Nachbarn wahrgenommen und mehr oder weniger respektiert wurden. Diese Erinnerungen lösten in den Kindern zahlreiche Fragen aus, sie schrieben sie in ihre Briefe und bekamen persönliche Antworten.


„Liebe Schülerinnen und Schüler aus Hessisch-Lichtenau! Zuerst will ich euch danken für die vielen Briefe und Gedanken ... ihr führt mich in die Vergangenheit zurück“,


so beginnt der letzte Brief unseres Zeitzeugen (geb. am 1.10 1930), der sich folgenden Fragen der Schüler stellte:

- Wie ging es Ihnen im Dorf mit den Juden?
- Wie kamen die Juden ins nordhessische Dorf Guxhagen?
- Hatte man damals Kontakt zu Juden?
- Waren die Juden auch mit Christen befreundet und welche Arbeit hatten sie im Dorf?
- Durften die Kinder eine Gemeinschaft sein?
- Sind die Schüler in einer Klasse unterrichtet worden (Juden und Christen)?
- Durften Juden und Christen befreundet sein?
- Wie war es genau mit den Nazis?
- Hatten Sie in ihrem Dorf viel Fremdenhass oder Gewalt?
- Wie reagierten die Juden, als sie weniger wurden?
- Wie fühlten Sie sich bei dem Abtransport der Juden?


Hier antwortete Heinz Döring: „Das steckt noch in mir, - wir Schüler stiegen vorn in den Zug nach Kassel ein und die Juden hinten in einen Gepäckwagen. Wir gingen in die Schule, die Juden stiegen um in einen Transportzug nach Riga – wo sie umgebracht wurden. Später, als Erwachsener, bin ich nach Riga gefahren, stand an dem Mahnmal für die ermordeten Juden auch aus meinem Dorf. Das war wichtig für meine Lebenserinnerung.“


Aufgrund dieser Antwort im ersten Briefwechsel fragt eine Schülerin genauer nach:

- Wussten die Juden, was mit ihnen passieren würde?


Und sie erhält zur Antwort: „Das ahnte wahrscheinlich keiner von ihnen – es ging ins Ungewisse. Angst hatten sie sicher.“


Auf diese und alle anderen Fragen der Kinder ging Heinz Döring persönlich in seinen Antwortbriefen ein, was die Kinder sichtlich berührte. Er löste eine Auseinandersetzung aus, die wohl in dieser Art und Intensität nur selten möglich ist. Die Dankesbriefe geben eine Ahnung davon:


„Danke, Herr Döring, dass sie so ausführlich auf meine Fragen geantwortet haben. Jetzt weiß ich mehr über diese Zeit, meine Oma konnte mir diese Fragen leider nicht beantworten“, hält ein Junge der 6a in seinem letzten Brief fest. „Wir finden es schrecklich“, so drei Kinder aus der 6b, „ dass die Menschen die Juden umbrachten, nur weil sie einen anderen Glauben hatten. Wir sind alle Menschen und finden, es ist egal, was man für einen Glauben hat.“ Und eine andere Schülerin der 6b schreibt: „Danke, dass sie so offen darüber geschrieben haben. Ich verstehe aber immer noch nicht, warum die Juden abtransportiert und ermordet wurden.“ - „Wie du verstehe ich es auch nicht, warum die Juden unseres Dorfes abtransportiert und ermordet wurden. Hitler und die Nazis hatten das beschlossen – und so wurde es getan. Das ist das schlimmste und traurigste Kapitel in meinem Leben“, so lautet die Antwort des 87-Jährigen.


Zum Thema Antisemitismus konnten wir dank unseres Zeitzeugen in der 6. Klasse einen ersten Anstoß geben. Mögen die Generationen auch weiterhin miteinander darüber im Austausch stehen und in so einen ehrlichen Dialog treten, wie hier dokumentiert.



Bericht: E. Herrmann, 20.05.2018
Fotos: A. Möller