Freiherr-vom-Stein-Schule

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Gesamtschule mit gym. Oberstufe in Hessisch Lichtenau

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Die Menschenkette der FvSS und der Gemeinde Hess.Lichtenau sowie des gesamten Kreises

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So etwas Beeindruckendes haben wir wirklich noch nicht erlebt!



Die Vorgeschichte:
Ausgehend von dem Wunsch der SV nach einer gemeinschaft- und sinnstiftenden Aktion entwickelte sich über einen langen Zeitraum und unter Mitwirkung der AG „Extrem“ (einem Zusammenschluss motivierter SchülerInnen und LehrerInnen) die Idee, eine Menschenkette von der ehemaligen Munitionsfabrik in Hirschhagen nach Hess. Lichtenau in die Heinrichstraße zu bilden.

Mit großer Ausdauer und sich gegenseitig inspirierenden Ideen verfolgte die AG dieses Vorhaben und gewann innerhalb und außerhalb der Schule immer mehr Unterstützer:
Bürgermeister Heußner zeigte sich sofort sehr interessiert, weil ihm u.a. das Schicksal von Blanka Pudler seit seiner Jugend nahe ging, die Orthopädische Klinik stimmte begeistert zu, uns unterstützen zu wollen, etliche Privatfirmen wie Schreinerei Kraft, Physiotherapiepraxis Kniffka, Getränkefirma Troll, der dm-Markt oder Firma Range unterstützten uns mit Sachspenden oder finanziell und auch die Volks- und Raiffeisenbank und die Sparkasse sowie die Bürgerstiftung oder Lichtenau e.V. stellten Geldspenden zur Verfügung. Der Grafik-Designer Axel Tönnies aus Kassel entwickelte das Logo für die Menschenkette und Christoph Müller von fidibusreisen fuhr kostenfrei den Oldtimer-Shuttlebus zwischen den Servicestationen entlang der Strecke. Der Schulleiter Herr Wieders setzte das Logo auf alle Schriftstücke, die er zu versenden hatte. Da mussten Flyer gedruckt, Elternbriefe und Anwohnerbriefe geschrieben, Vereine angeschrieben und alles verteilt werden (ein dickes Lob an die SchülerInnen, die das sehr gut meisterten)- und natürlich kostete manches davon auch Geld. Die evangelische Kirche und die Grundschule unterstützten die Aktion ebenso wie die Gesamtschule in Großalmerode und viele Vereine, allen voran der Carnevalsvereinein in Fürstenhagen.

Zahlreiche Details und Abläufe musste im Vorfeld der Aktion durchdacht und fein abgestimmt werden; manche Idee wurde wieder verworfen und Alternativen gefunden: Ein lebendiger Prozess setzte über Wochen ein. Die SV rief alle SchülerInnen auf dem Hof zusammen und motivierte sie mit einem kleinen Nachdenkspiel, sich der Aktion am 26.6. anzuschließen. Alle Beteiligten der AG „Extrem“, viele LehrerInnen und SchülerInnen, die Schulleitung und viele Menschen in Hess. Lichtenau erzählten von der geplanten Menschenkette und versuchten auch Freunde und Verwandte zu gewinnen.

Die Planung für die die Aktion vorbereitende Projektwoche stellte sicher, dass sich alle SchülerInnen der FvSS mit dem Thema des Nationalsozialismus beschäftigen sollten; gerade auch die jüngeren, die wenig Kenntnis von der Zeit des „Dritten Reiches“ und der Situation der jüdischen Zwangsarbeiterinnen hatten, sollten davon erfahren. Stellvertretend für viele jüdische und ausländische Schicksale beschäftigten sich viele Klassen mit dem Buch von Dieter Vaupel, das sehr authentisch aus dem Leben Blanka Pudlers berichtet, die mit 15 Jahren in Hess. Lichtenau in der Munitionsfabrik schuften musste.

Und dann war es soweit: Der Tag rückte näher; das Ordnungsamt wusste Bescheid, die Polizei sicherte Patroullien zu, die KVG hatte die Sicherheit beim Überqueren der Gleise im Blick und entsandte einen Mitarbeiter an einen neuralgischen Punkt, das Deutsche Rote Kreuz schickte an jeden Servicepunkt zwei Mitarbeiter, die im Fall des Falles helfen würden. Zahlreiche Presseorgane waren immer und immer wieder angeschrieben und angerufen worden, damit sie im Vorfeld schon berichten und für die Aktion werben sollten, was sich von einer positiven Ausnahme abgesehen, als fast utopisch erwies. Die Medien berichteten von der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der höchstwahrscheinlich von einem Rechtsextremen ermordet wurde.

Und nun das: Der Wetterbericht berichtete von einem Temperaturhoch am Mittwoch, den 26.6. : weit über 30 ° sollte es werden! Und so hatten sicher alle OrganisatorInnen Bedenken, ob genug Menschen kommen würden und ob auch niemand umkippen würde. Alle KlassenlehrerInnen baten die Kinder auf genügend Wasser und Sonnenschutz zu achten.

Die Menschenkette:
Die Route der Menschenkette wurde am Tag vorher mit bunten Wimpeln bestückt, damit auch alle Gäste wussten, wo es langgeht. Ab 15 Uhr wurden mit tatkräftiger Hilfe engagierter Mütter und LehrerInnen, sowie von Schülern, die vier Servicestationen aufgebaut, Getränke angeliefert, die Flyer und weitere sinnvolle Gegenstände ausgelegt. Als besonders begehrt erwiesen sich die blauen Bändchen, die man zum Selbstkostenpreis erwerben konnte: „Ich bin dabei! Menschenkette 26.06.2019“

Nachdem in der großen Hitze die TeilnehmerInnen erst relativ spät zur Verlaufsroute kamen und sich möglichst im Schatten aufhielten, kamen die Presseleute von RTL, dem Marktspiegel, dem HR und der HNA. Auch Herr Dr. Vaupel, der Autor des Buches und Freund Blanka Pudlers, fand sich ein und das Filmteam der Schule machte sich auf den Weg. Zahlreiche Interviews wurden geführt und sogar ein Zeitzeuge, Herr Freiberg, der die Gefangenen noch mit eigenen Augen unter Bewachung durch die Stadt ziehen sah, kam und berichtete von seinen Erlebnissen, aber auch von seiner Erfahrung, dass viele andere Zeitzeugen, dies leugneten und nichts mehr von „den alten Sachen“ wissen wollten.

Um 17.15 Uhr begannen die Glocken zu läuten und die Menschenkette schloss sich allmählich; endgültig dann um 17.28 Uhr. Nach fünf weiteren Minuten lösten sich die Hände und leiteten das Buch über Blanka Pudler in einer symbolischen Geste weiter bis zum Gedenkstein in der Heinrichstraße, wo früher die Baracken der Zwangsarbeiterinnen gestanden hatte. Dieter Vaupel nahm dieses in Empfand und gedachte seiner vor zwei Jahren verstorbenen Freundin. Gleichzeitig lasen zwei Schüler bedeutsame Passagen aus dem Buch vor. Als besondere Überraschung wurden im Anschluss Luftballons entlang der Kette verteilt und ihr Aufsteigen in den Himmel um 17.55 Uhr beendete die Aktion.

Wir schätzen, dass ca. 2000 Menschen die Menschenkette gebildet haben. Trotz mancher kleiner Lücken, die aber geschickt mit Seilen, Kordeln oder Tüchern geschlossen wurden, ergab sich für einen kurzen Moment eine geschlossene Kette von Hirschhagen nach Hess. Lichtenau, einem Weg von 3,6 km Länge, den die Frauen und Mädchen damals bei jedem Wetter durch Regen, Schnee, Kälte oder sengende Hitze laufen mussten.

Wir sind dankbar, dass bei unserer Menschenkette niemandem etwas passiert ist - besonderer Dank geht hier an die uns im Hintergrund Unterstützenden - und werden beglückt noch lange von diesem Ereignis zehren.

WIR DANKEN HERZLICH ALLEN MENSCHEN, DIE DIESE GEWALTIGE AKTION DURCH IHR ENGAGEMENT MÖGLICH GEMACHT HABEN.

Text und Foto: C.Seiler, AG Extrem, FvSS